Der erste Band der Mumin-Geschichten, Mumins lange Reise (Arena, aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer), handelt von einer Suche. Der kleine Troll Mumin ist mit seiner Mutter unterwegs, weil sie den Vater der Familie verloren haben. Er ist vor einiger Zeit mit den Hatifnatten, kleinen, eher unsympathischen Trolls, losgezogen, und seine Frau ist nicht wütend darüber, sondern überzeugt davon, dass die ihn getäuscht haben.
An der Tatsache, dass die Mumins eine neue Bleibe brauchen, ist der technische Fortschritt der Menschen schuld. Seit die meisten eine Zentralheizung besitzen, sind die Kachelöfen aus ihren Häusern verschwunden – das bevorzugte Habitat der Trolle. Auf ihrer Heldenreise begegnen Mumin und die Muminmutter unterschiedlichen Wesen, die sich entweder ihrer Reise anschließen, sich als überwindbare Hindernisse herausstellen oder aber unterstützend wirken. Es gibt durchaus brenzlige Szenen, z.B. die Begegnung mit einer Schlange auf einer Bootsfahrt, aber auch unerwartete Hilfsbereitschaft wie im Turm eines rothaarigen Jungen, der den Reisenden erstmal einen Seepudding zur Stärkung serviert, so wie er es mit allen hält, die bei ihm landen.
Dass die Verzweiflung auch bei Rückschlägen nie überhandnimmt, liegt an dem stets respektvollen, höflichen und empathischen Umgang der Handelnden miteinander. Ein fremdes Wesen am Wegesrand wird nicht als Bedrohung erkannt, sondern eingeladen, mitzukommen. Die Muminmutter entgegnet der Frage ihres Sohnes, ob es im Wald wohl gefährliche Tiere gebe, mit der Antwort: „Ziemlich unwahrscheinlich. Allerdings kann es nicht schaden, wenn wir trotzdem ein bisschen schneller gehen. Aber bestimmt sind wir so klein, dass man uns gar nicht bemerken würde, falls etwas Gefährliches auftauchen sollte.“ Eine Weisheit, die Mumin umgehend an das kleine Tier weitergibt, das erst nicht mit ins Moor kommen möchte.
Mumins späterer Ausruf „Bestimmt wird jetzt alles gut!“ läutet das Happy End ein. Die Familie findet wieder zusammen, nachdem der Muminvater von einem Baum gerettet wurde. Und auch das Haus, das er gebaut hat und das bei einer Überschwemmung weggerissen wurde, steht plötzlich wohlbehalten an neuer Stelle im Mumintal, blau angestrichen und in seiner Form an einen Kachelofen erinnernd. „Dieses Haus ist das schönste, das wir je finden werden“, sagt die Muminmutter. Wie die weiteren Bände zeigen, stehen die Türen für Gäste und neue Bewohner stets offen.
Die lesenswerte Biographie über Tove Jansson von Tuula Karjalainen, auf Deutsch in der Übersetzung von Anke Michler-Janhunen und Regine Pirschel bei Urachhaus erschienen, zeigt den Weg einer Künstlerin, die heute vor allem mit den Mumins in Verbindung gebracht wird, die eine Erfolgsgeschichte wurden. Die Figuren tauchen schon in den 30er Jahren in ihrem Werk auf, eine eigene Welt schuf die Autorin und Illustratorin aber erst in den Kriegsjahren aus ihnen: „Obwohl ich in meinem tiefsten Inneren Malerin bin, fühlte ich mich Anfang der 1940er-Jahre, während des Krieges, so verzweifelt, dass ich anfing, Märchen zu schreiben.“
Ein Freund bestärkte sie später, einen Verlag zu suchen, und 1945 erschien der erste Band. Es dauerte einige Bände, bis sich der Erfolg einstellte, und auch das Schreiben veränderte sich: „Die ersten Geschichten schrieb ich mit der unkritischen Begeisterung eines Amateurs. Als mir das Schreiben genauso wichtig geworden war wie das Malen, wurde es anstrengend. Dann schrieb ich ein Buch mitunter drei bis vier Mal um.“
Tove Jansson schrieb die Mumingeschichten in erster Linie für sich selbst, wie sie mal erklärte, und nicht vorrangig für Kinder. „Aber wenn meine Geschichten eine besondere Anziehungskraft auf einen bestimmten Typ Leser ausüben, dann vielleicht auf Sonderlinge. Ich meine damit Menschen, denen es schwerfällt, sich einzuordnen, solche, die abseits oder am Rande stehen … die schüchtern sind. Jene Art von Schrulligkeit, die man erfolgreich hinter sich gelassen oder unterdrückt hat.“
Es gibt zahlreiche Branchenmenschen, die die Mumingeschichten zu ihren Lieblingslektüren erklärt haben, wie auch die Neuausgabe der Mumin-Comics bei Reprodukt vor einer Weile zeigten – da bekannten Künstler:innen wie Jutta Bauer, Nadia Budde oder Ole Könnecke ihre Verehrung für Tove Janssons Werk. Wir haben Klett Kinderbuch-Verlegerin Monika Osberghaus gebeten, ihre Sicht auf die Mumins für uns zusammenzufassen. Sie erklärt:
„Seit mehr als 40 Jahren bin ich nun mit Kinderliteratur zugange – und was immerzu bleibt und nie weniger wird, ist das Glück beim Lesen der Mumingeschichten. Wegen Tove Jansson – nicht wegen Astrid Lindgren – habe ich Schwedisch gelernt. Die kühne Haltung, in der sie für Kinder schrieb, ist für mich Vorbild und Leitschnur. Sie wusste, wie sehr Kinder den Schrecken und das Abgründige lieben und brauchen. Sie konnte mit ihren knuffigen Trollfiguren das Allermenschlichste zeigen: Gier und Häme, Bosheit und Unverstand, zugleich rückhaltlose Begeisterung füreinander und bedingungslose Fürsorglichkeit auch für seltsame Wesen, die man nicht versteht. Die Freigeister und Einsamkeitssüchtigen haben bei ihr ihren Platz, aber auch die riesige Erleichterung, wenn man von wer weiß was für gefährlichen Abenteuern in ein Zuhause heimkehren kann, das absolute Geborgenheit gibt. Nach wie vor beschreibt niemand sonst diese existenziellen Erfahrungen für Kinder so gut, dass mir beim Vorlesen die Knie weich werden, wie Tove Jansson.“
Und so ist dieser Artikel längst noch nicht zu Ende geschrieben. Bitte teilen Sie Ihre Mumin-Momente mit uns in den Kommentaren. Mumins lange Reise wiederum endet mit den Sätzen: „Von da an wohnten sie ihr ganzes Leben dort im Tal. Nur ein paar Mal gingen sie der Abwechslung halber auf Reisen.“
Susanna Wengeler
Tove Jansson (1914–2001) wuchs in Helsinki als ältestes Kind des Bildhauers Viktor Jansson und der schwedischen Illustratorin Signe Hammarsten Jansson auf. Mit 16 Jahren begann sie ihre Ausbildung als bildende Künstlerin in Stockholm, Helsinki und Paris. Ihre Muminbücher machten sie international berühmt, sie erhielt dafür u.a. die Nils-Holgersson-, die Elsa-Beskow-Plakette und den H.C.-Andersen-Preis. In den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens schrieb Tove Jansson auch Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten für Erwachsene.
Mumins-Hörspiele gibt es in der ARD-Audiothek
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