Vor einigen Wochen informierte Christine Paxmann, Herausgeberin des Eselsohrs, ihre Geschäftspartner:innen über einen Schritt, der ihr sichtlich schwergefallen ist: Sie könne sich angesichts der Kostenlage und der Entwicklung der Abozahlen bei der Fachzeitschrift Eselsohr keine feste Stelle für eine Chefredakteurin mehr leisten und trenne sich daher von Heike Nieder, die im Oktober 2023 als Nachfolgerin von Sylvia Mucke eingestiegen war.
Heike Nieder selbst erklärte in einer Mail an die freien Mitarbeiter:innen des Eselsohrs, dass sie die Entscheidung traurig mache, aber auch nachvollziehen könne: „Die Veränderungen in der Branche, die knappen Budgets bei wachsenden Kosten, bekommt das Eselsohr schon seit längerer Zeit zu spüren.“ Dabei reiht sich die Nachricht ihrer Entlassung in eine ganze Kette von Hiobsbotschaften aus dem Fachjournalismus ein. Was aber sind die Ursachen dafür – und welches Konzept könnte helfen, das Blatt zum Besseren zu wenden? Fragen an Christine Paxmann.
Susanna Wengeler: Du hast unlängst kommuniziert, dass du dich von deiner Chefredakteurin Heike Nieder trennst, und man hat deinen Worten angemerkt, dass dir das alles andere als leichtfällt. Was sind die Hintergründe?
Christine Paxmann: Das war kein leichter Schritt, zumal die Entwicklungen, die mich dazu gebracht haben, diese wirklich sehr unpopuläre Entscheidung zu treffen, zunächst schleichend daherkamen. Ich möchte aber zuallererst betonen, dass Heike Nieder eine wunderbare Arbeit gemacht hat. Mit ihrer Person oder der Qualität ihrer Arbeit hat das gar nichts zu tun.
Nein, es sind mehrere, auch strukturelle Gründe. Das Eselsohr gibt es seit bald 45 Jahren. Immer wieder musste es sich neu erfinden. Als ich es vor fast 25 Jahren gekauft habe, mussten Layout, Inhalt und Anzeigenakquise neu aufgestellt werden. Damals stand die Fachzeitschrift an einem ganz kritischen Punkt. Mit sehr viel Anpacken von allen und, ja, auch unentgeltlicher Eigenleistung, haben wir den Turnaround geschafft.
Nun gibt es seit gut eineinhalb Jahren eine neue Herausforderung: Die Gemeinden und Institutionen in Deutschland stehen unter enormen Sparzwang, davon sind auch die Bibliotheken betroffen, die teils nur mehr mit 30 Prozent ihrer Vorjahrsetats auskommen müssen. Bibliotheken sind aber eine unserer großen Abonnentengruppen, neben den Buchhandlungen. Seit rund einem Jahr konnten wir beobachten, dass sukzessive viele der Bibliotheken-Abos gekündigt wurden. Buchhandlungen-Abos im übrigen auch, aber die Gründe sind verschieden. Ich möchte keine genauen Zahlen nennen, aber wir liegen bei diesen Kündigern im dreistelligen Bereich – und das ist für eine Fachzeitschrift lebensbedrohend.
Susanna Wengeler: Um es transparent zu machen: Bei BilderBuchMarkt sind deine Kündiger im dreistelligen Bereich nicht gelandet. Es war ohnehin nie meine Absicht, dir Konkurrenz zu machen, wir haben ganz unterschiedliche Konzepte. Und auf der Frankfurter Buchmesse eine bewährte Stand-WG.
Christine Paxmann: Nein, wir beide sind wirklich nicht nur kollegial, sondern freundschaftlich und leidenschaftlich zusammen in der Branche unterwegs, jede mit ihrem Format und jede ein wenig anders, gut so. Aber auch du hast beim BuchMarkt, bei dem du 25 Jahre warst, erlebt, wie sehr der strukturelle Wandel Arbeitsplätze gekostet hat, nicht zuletzt deinen. Den BuchMarkt gibt es jetzt sehr anders online. Du hast dich dann mit dem BilderBuchMarkt selbständig gemacht und bist mit deinem Abo-Modell monatlich ja sogar noch etwas teurer als das Eselsohr. Das Eselsohr-Abo kostet 7,50 Euro im Monat, wofür man heute keinen Kaffee mit Kuchen mehr bekommt. Und obwohl Papier- und Portokosten steigen, haben wir schon lange nicht mehr die Preise erhöht.
Susanna Wengeler: Ich würde eher sagen, du bist zu günstig. Als ich vor kurzem in Berlin war, habe ich mir in einer Pause Kaffee und Kuchen in einem Café gegönnt – mit Trinkgeld komme ich da nicht mal mit den zehn Euro aus, die das BilderBuchMarkt-Abo monatlich kostet. Auch wenn die Posten Druck und Porto bei mir wegfallen: Man unterschätzt schnell, was an Lizenz-, Hosting-, Entwicklungs- und Wartungskosten für eine Webseite wie BilderBuchMarkt.de zusammenkommt.
Christine Paxmann: Das glaub ich dir gern, liebe Susanna, aber tatsächlich haben wir auch nicht wenige Kündiger, die sich den Abo-Preis nicht (mehr) leisten können, denen wir Ratenzahlung einräumen, damit es überhaupt klappt. Ich empfehle dann immer unser E-Paper, das ist tatsächlich noch günstiger pro Jahr. Wir haben das 2020 eingeführt, also passend zur Coronazeit, und viele – vor allem Verlage – haben das dankbar aufgegriffen. Heute sind fast alle wieder zur Printversion zurückgekehrt. Das Invest für die Einrichtung eines E-Papers hat sich bis heute nicht amortisiert, obwohl jahrelang der Ruf laut war, wir sollten endlich digital werden.
Susanna Wengeler: Ein Beweis dafür, dass Print im Zeitschriftenbereich durchaus ein Verkaufsargument sein kann, weil man auch mal auf was Anderes schauen möchte als einen Bildschirm. Insbesondere dann, wenn es um Informationen geht, die über eine Tagesaktualität hinaus relevant sind. Zurück zum Abo-Schwund: Nennen die Bibliothekar:innen dir Gründe für ihre Abbestellungen?
Christine Paxmann: Ja, manche tun dies, wenn sie selbst kündigen. Wenn die Gemeinde das Abo kündigt, kommt meist keine Antwort, da wird nur ausgeführt. Die meisten Bibliotheken sagen, dass es ihnen in der Seele wehtue, aber sie hätten Sparauflagen der Kommune/Gemeinde/Stadt. Die andere Gruppe verweist darauf, dass die Zeitschrift nicht mehr so oft ausgeliehen werde. Wenn wir dann sagen, es sei ja auch eine Informationsquelle für die Bibliothekar:innen selbst, kommt als Antwort: „Die Kolleginnen können nicht mehr so viel nebenher lesen“, das sei „zu viel Info für einen Monat“ oder auch das sei „zu wenig Info“. Wenn wir gegenfragen, was denn die Informationsquellen seien, erhalten wir wenige Antworten, vielleicht noch, dass man sich über EKZ informieren würde.
Susanna Wengeler: Das heißt, wir haben zum einen ein strukturelles Problem – Sparzwang bei den Kommunen und angesichts der Preissteigerungen ja eigentlich bei allen Menschen, die in unserer Branche arbeiten. Und zum anderen sind die Veränderungen in der Lesekultur eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wir wissen, dass Lesefähigkeit Voraussetzung für Teilhabe und Berufschancen ist und Empathie fördert, insbesondere, wenn die KI in Zukunft einige Aufgaben „übernehmen“ sollte. Umso beunruhigender, wenn diejenigen, die sich beruflich in der Leseförderung engagieren, selbst immer weniger lesen.
Dazwischen sitzen wir mit unseren Angeboten an Fachinformationen. Vielleicht machen wir ja etwas falsch? Sind zu langweilig, nicht relevant, liefern die falschen Formate?
Christine Paxmann: Danke, Susanna, das sind die Fragen, die mich umtreiben und wo ich sage: Darüber müssen wir reden! Sind wir, als quasi Dinos der Branche, nicht mehr zeitgemäß? Dann komme ich aber immer wieder zu einer anderen Antwort: Denn wir haben viele, teils sehr viel jüngere Abonnentinnen, wunderbare Kolleg:innen aus Bibliotheken, Buchhandlungen, Lesefördervereinen, Institutionen, etc. pp., die uns ganz großartig finden, vor allem weil bei uns Fachleute schreiben. Die eierlegende Wollmilchsau wird’s nicht geben, die allen gefällt. Nein, wir haben derzeit, so sehe ich es, eine Mischung aus multiplen Gründen.
Susanna Wengeler: Dann leg mal los.
Christine Paxmann: Als da wären:
Susanna Wengeler: Das klingt … niederschmetternd.
Christine Paxmann: Es sind wirklich eine Handvoll Gründe, die derzeit die Arbeit an einer Fachzeitschrift, die eben immer ein wenig stärker den Fokus auf Fach- und nicht auf Achtsamkeits- oder Modethemen legt, erschweren. Ich will nicht anklagend klingen, ich habe die Lage sehr genau analysiert und mir die Gründe der Kündigungen angesehen. Das ist das Fazit. Und neben allem Idealismus, der uns seit Jahrzehnten alle antreibt, muss ich leider als Geschäftsführerin auch wirtschaftlich denken. Das Eselsohr ist eine GmbH, da muss sauber bilanziert werden.
Große Betriebe entlassen tausende Angestellte, wenn es die Wirtschaftlichkeit erfordert. Dann gibt es Proteste und Versuche, das zu drehen, meist aber wird eben entlassen. Nun ist es beim Eselsohr so, dass es nicht tausende Beschäftigte gibt, sondern genau eine Angestellte, das war die Chefredaktion. Alle anderen arbeiten frei oder in einem Minijob. Die Not hat nun sozusagen ein Gesicht bekommen. Und unsere Branche ist klein, wir kennen uns alle. Die Reaktionen der Betroffenheit waren und sind enorm.
Susanna Wengeler: Betroffenheit ist wichtig. Sie kann trösten. Aber sie ändert nichts an der Entscheidung, die gefallen ist. Du hast recht, unsere Branche ist klein – und anspruchsvoll. Sie fordert zu Recht qualitätsvollen Branchenjournalismus ein. Aber weil alle sparen müssen, sollte er möglichst nichts kosten. Wie soll das gehen? Du hast uns so charmant Dinos genannt. Die sind ausgestorben.
Christine Paxmann: Ja, ich habe uns Dinos genannt, insofern, als wir tatsächlich einer Lesegeneration angehören, und qua Sozialisation sind wir auch weniger Social Media getrieben, was heute eine harte Währung ist. Jetzt könnte man natürlich anführen, dass Dinos ausstarben, weil sie sich den neuen Zeiten nicht anpassen konnten. Stimmt aber nicht, sie sind einem weltweiten Ascheregen und dessen Folgen zum Opfer gefallen. Diese Plötzlichkeit vieler Ereignisse ist es, die auch Dinos, die by the way 300 Millionen Jahre gelebt haben, zu Fall bringt. Und wir haben es jetzt mit einer ganzen Flut an Herausforderungen zu tun, die ähnlich einem Ascheregen uns die Luft abschnüren. Sorry für dieses sehr kinderbuchige Narrativ, aber wenn etwas nie aussterben wird, dann sind es Bücher über Dinos.
Susanna Wengeler: Noch steht das Eselsohr, künftig allerdings mit einer Arbeitskraft weniger. Offensichtlich hast du keine anderen Stellschrauben oder Sparmöglichkeiten mehr gesehen?
Christine Paxmann: Tatsächlich ist das Eselsohr, seit ich es gekauft habe und betreibe, in ein Konstrukt eingebettet, das zusätzlich noch aus meiner Agentur Christine Paxmann text • Konzept• Graphik und meiner Autoren- und Vortragstätigkeit besteht. Da werden Miete, Maschinen, der ganze Orga-Wasserkopf, Messen etc. pp. schön aufgeteilt und bilden den Rumpf. Die ersten Jahre wurde das Eselsohr von den beiden andren Säulen alimentiert, bis es selbst wieder beieinander war. Da ist tatsächlich nichts, was man einsparen könnte, oder wenn, sind es nicht die Beträge, die den Braten fett machen.
Uns würden tatsächlich Maßnahmen helfen, die anerkennen und honorieren, dass wir Basisarbeit machen für alle Menschen, die mit Kinder- und Jugendliteratur arbeiten. Sprich, die der Leseförderung im Land dienen. Ich denke da an die staatlichen Förderungen für Fachzeitschriften in anderen Ländern. Ich habe das gerade wieder auf der Buchmesse in Bologna erleben dürfen. Als ich in einem Symposium das Eselsohr vorstellen durfte.
Susanna Wengeler: Erzähl mal …
Christine Paxmann: Eingeladen hatten die italienischen Fachzeitschriften für Kinder- und Jugendliteratur, davon gibt es sage und schreibe fünf. Die wurden auch alle vorgestellt. Nicht alle sind mit dem Eselsohr vergleichbar, aber Andersen schon. Die gibt es so lange wie das Eselsohr, sind von Inhalt, Erscheinungsrhythmus und Umfang ungefähr gleich. Jedes Abo, das Schulen oder Bibliotheken abschließen, wird staatlich gefördert. Das ist echte Hilfe. Sie würde den Anreiz erhöhen, ein Abonnement abzuschließen.
Auch die französische Kollegin, die ihre Fachzeitschrift La Revue des Livres pour enfants, herausgegeben vom Centre national de la littérature pour la jeunesse, vorgestellt hat – superschick gemacht, eine Augenweide und inhaltlich brillant – sagte, dass es ohne Subvention nicht ginge. Dort, soweit ich es verstanden habe, gibt es die institutionelle Förderung: Einfach jede Bibliothek abonniert es, weil es staatliche Zuschüsse gibt.
Susanna Wengeler: Auch das hochgeschätzte Magazin 1001 Buch in Österreich erhält Unterstützung aus unterschiedlichen Töpfen – und leistet eine bewundernswerte Arbeit. In Deutschland wären wir in der Buchbranche nicht allein mit dem Wunsch nach Förderung.
Obendrein haben wir Besorgnis erregende politische Entwicklungen. Selbst wenn künftige Regierende Förderungen ausloben würden, stellt sich die Frage, ob man sie annehmen wollte. Es wäre besser, wenn wir die Gesamtproblematik selbst lösen würden. Mit einer wirklich wirksamen Leseförderungskampagne zum Beispiel. Die nicht nur Kinder motiviert, sondern auch Erwachsene wieder zu lesenden Vorbildern macht. Aber ich höre dich bereits antworten: Super Idee, dauert nur ein bisschen zu lange …
Christine Paxmann: Natürlich hast du recht. Diese staatlichen Förderungen haben immer zwei Seiten. Denn wer fördert, will meist mitreden. Als Mensch mit einem Entrepreneur-Gen will ich das ja nicht so gern, dass mir jemand reinquatscht. Dennoch haben mich die Möglichkeiten in Frankreich und Italien echt beeindruckt. Und wie du so schön sagst: Wir haben einen Verfall der Lesefähigkeit, alle schreien nach Rezepten, das aufzuhalten.
Wir Buchmenschen bilden ja schon ehrenamtliche Thinktanks zur Frage, wie man die Lesekrise drehen könnte. Tausende Lesepat:innen in diesem Land arbeiten ehrenamtlich, tausende Bibliothekshelferinnen arbeiten ehrenamtlich – ohne die sähe es noch düsterer aus. Und ich will auch wirklich nicht herumjammern, dass nur Fachzeitschriften eine Förderspritze bräuchten. Nein, das Thema Ehrenamt ist ja das nächste, was mir den Kamm schwellen lässt.
Und ohne jetzt auf diesen wunden Punkt weiter einzugehen, sehen wir: Es wursteln tausende von Menschen in diesem Land daran herum, dass Bücher und Lesen in der Breite ankommen. Jeder auf seine Weise, es gibt kein Konzept, keine sinnvolle Leseförderungskampagne, die aus vielen Bausteinen bestehen könnte und sinnvoll ineinandergreift. Also das strukturelle Problem sitzt eigentlich ganz woanders. Und ich weiß auf der anderen Seite auch, dass gerade jetzt überall gespart wird, da brauch ich gerade mit einem Kulturthema gar nicht anfangen. Zumal auch der derzeitige Kulturstaatsminister eine eher eigenwillige Linie fährt.
Aber ich, also als Eselsohr, wäre ja schon ganz fein mit einer Länderhilfe, wie es sie zum Beispiel für Verlage in Bayern gibt, die sich beim Bayerischen Staatsministerium für Kultur- und Wissenschaft bewerben können für eine Förderung. Wir sind zwar ein Verlag, aber eben nur für eine Zeitschrift und kommen dafür nicht in Frage. Ehrlicherweise gibt es ganz schön viele Fördermöglichkeiten, nur keine, die uns weiterhilft. Ich könnte zum Beispiel ein Jubiläumsbuch planen, wenn wir in fünf Jahren 50 werden. Das würde gefördert werden. Aber wir wissen alle, was ein Buch kostet – das hilft mir im Alltag mit meiner Fachzeitschrift wenig.
Susanna Wengeler: Wir haben noch gar nicht über das Thema Anzeigen gesprochen. Für mein Projekt BilderBuchMarkt steht es in der Aufbauphase nicht im Fokus, aber beim BuchMarkt war es eine wesentliche Säule für uns. Und der Umsatzrückgang bei den Anzeigen war für uns weitaus dramatischer als bei den Abos. Auch Buchverlage sehen sich seit längerer Zeit veranlasst zu sparen, und von den gekürzten Etats fließt ein größer werdender Anteil in Social Media-Aktivitäten. Wie sieht es damit beim Eselsohr aus?
Christine Paxmann: Ja, ohne die Anzeigen wäre das Eselsohr nicht denkbar, das war auch von Anfang an, als 1982 Gabriela Wenke das Eselsohr gegründet hat, eine Säule und ist es bis heute. Und da haben wir tatsächlich nicht die ganz schmerzhaften Einbrüche, auch wenn es nach Corona nie mehr wurde wie vorher. Aber ich will das nicht auf diese für alles Alibi-Krankheit beziehen. Klar, wünschte ich mir den Vor-Corona-Zustand, aber viele kleinere Verlagshäuser, die immer bei uns geschaltet haben – im Gegensatz zu so manchen wirklich großen Verlagen, ich nenne jetzt keine Namen –, sind untergeschlüpft bei großen Konzernen. Die zuständigen Marketing-Mitarbeiter:innen schalten zwar, aber nun für die ganze Gruppe und deutlich weniger. Auch ist es fast nicht möglich die Anzeigenpreise moderat anzuheben, die seit Jahrzehnten gleichbleiben. Aber ich muss an der Stelle einfach auch mal ein Lob für unsere Branche aussprechen: Wir freuen uns sehr über die vielen seit Jahrzehnten treuen Anzeigenkunden, die damit auch unsere Arbeit anerkennen. Wir sehen das wirklich als Lob mit anderen Mitteln.
Susanna Wengeler: Du hast dich als weniger Social Media getrieben bezeichnet. Betrachtest du Beiträge von Blogger:innen als Konkurrenz fürs Eselsohr?
Christine Paxmann: Jetzt kommt die Gretchen-Frage. Das Phänomen der Blogger:innen ist tatsächlich ein Time-Changer. Neben vielen sehr engagierten und fundierten Blogs, die eine tolle Arbeit machen, gibt es eben auch die vielen, ich sag jetzt mal etwas schnodderig „Hach-ich-liebe-diese-Buch“-Blogs – bitte das Handherzzeichen dazu denken und ganz viele Emojis. Diese Form catcht aber tatsächlich wohl viele Useri:nnen, ob es auch Buchkäufer:innen sind, weiß ich nicht.
Wir sprachen letztens bei den Isar-Autoren mit Social Media Beauftragten, Programmmacher:innen und eben Autor:innen darüber, wie wichtig Social Media, Blogs etc sind. Denn auch die Verlage setzen ja zunehmend auf Autor:innen mit Reichweite, manchmal ungeachtet der Frage, wie sie schreiben können. Reichweite ist anscheinend die neue Währung der Literatur. Das ist interessant zu beobachten, auch wie die Blogger:innen von den Verlagen betüdelt werden – Bloggerfrühstück, Goodybags, viel Umarmung. Und ich, ja, ich denke, dass es für die institutionsunabhängigen Leser:innen, die ein Eselsohr auch hat, schon eine Alternative ist.
Allerdings stellt sich mir immer die Frage der Fundiertheit. Beim Eselsohr schreiben ausschließlich Menschen, die beruflich mit KJL zu tun haben. Das ist ein Qualitätssiegel, aber vermutlich heutzutage so sexy wie „königliche Hofmanufaktur“. Vielleicht ist es eben die Häppchenkultur, die heute greift, so manche Buchhandlung macht ja großartige Social Media-Arbeit. Hm, da ist sicher noch Luft nach oben beim Eselsohr, aber es ist halt immer auch eine Frage der Woman-Power und des entsprechenden Rückhalls.
Susanna Wengeler: Häppchenkultur, Reichweite, Fundiertheit sind gute Stichworte. Als ich über die Gründung von BilderBuchMarkt nachdachte, habe ich diese Punkte erneut mit einigen Branchenmenschen besprochen. Eine von ihnen sagte dann spontan etwas, das mich bei meinen Plänen bestärkt hat: „Wer hat schon die Zeit, sich all die relevanten Informationen zum Kinder- und Jugendbuch im Netz zusammenzusuchen?“ Klar, man bekommt dort eine Menge gratis, aber nichts ist sortiert, und kuratiert schon gar nicht.
Dass sich viele Marketingaktivitäten dorthin verlagert haben, liegt – vermute ich – daran, dass man glaubt, dort Erfolge messen zu können. Mit Klickzahlen. Aber wir wissen auch, dass man sich Klickzahlen kaufen kann. Und dass solche Posts schnell versickern. Die Währung ist nicht Reichweite, sondern Aufmerksamkeit, und zwar nachhaltige. Im Eselsohr findet man Texte auch noch Jahre später, dank eines Registers, auf BilderBuchMarkt.de durch eine übersichtliche Seitenstruktur und die Archivsuche. Und unsere Recherchen basieren auf einem Netzwerk, das sich in Jahrzehnten gebildet hat und permanent gepflegt wird.
Bei Fachinformationen kommt es nicht darauf an, dass sie von allen gelesen werden, sondern dass sie die richtigen Leute erreichen. Aber wenn sie von immer weniger Fachjournalist:innen erarbeitet werden, fällt es schwer, Qualitätsstandards zu halten oder zu steigern. Wie willst du weitermachen?
Christine Paxmann: Wir sparen ja nicht an Qualitätsjournalist:innen. Wir arbeiten von jeher mit vielen fachlich versierten Freien zusammen, so wird das auch bleiben. Und es ist nicht so ungewöhnlich, dass bei der Herausgeberin auch die Redaktionsleitung zusammenfließt. Es ist viel mehr die Frage: Können wir uns noch fest angestellte Mitarbeitende leisten? Denn das muss bei allem sozialen Herz, das in mir schlägt, gesagt werden: Die Lohnnebenkosten killen uns die Kalkulationen. Das treibt mich also viel mehr um: Wie gehe ich sozial mit den neuen Veränderungen um? Und wie können wir das ändern?
Susanna Wengeler: Die soziale Komponente ist sicher grundlegend, insbesondere in einer Branche, die Werte vermitteln möchte. Und sie spielt auch in das Thema Qualität hinein: Wenn die Anzahl der Mitarbeitenden sinkt, weil gespart werden muss, übernehmen die Verbliebenen mehr Aufgaben. Das ist keine gesunde Basis, um Dinge langfristig besser zu machen – und z.B. auch neue Generationen auszubilden. Es spricht nur kaum jemand darüber. Es wird als gegeben hingenommen, weil die Zeiten nun mal so sind. Aber wir können die Zeiten immer noch selbst verändern.
Christine Paxmann: Unbedingt, und deshalb müssen auch wir unsere Arbeit und unsere Strukturen, aber eben auch unsere Zielgruppen immer neu hinterfragen. Und miteinander reden – danke Susanna, für den lebhaften und konstruktiven Austausch. Und vielleicht dürfen wir uns auf Rückmeldungen freuen?
Das Eselsohr wurde 1982 von Gabriela Wenke gegründet, zunächst eine Art Pressedienst mit losen Blättern, bald schon als regelmäßig erscheinende Fachzeitschrift. 20 Jahre später ging es in die Hände der Druckerei Plöger über. 2003 kaufte Christine Paxmann das Eselsohr und führt es seitdem mit wechselnden Chefredakteurinnen.
Christine Paxmann betreibt seit 40 Jahren eine Agentur für Buchprojekte. Seit 2003 ist sie Herausgeberin und Geschäftsführerin des Eselsohrs. Seit bald 30 Jahren schreibt sie Bücher für Kinder und Erwachsene, darunter Mit Kunst durchs Jahr (Prestel junior), So geht’s. Demokratie für Kids (Dorling Kindersley), Was Kacke alles kann (Loewe), Heute wegen Mord geschlossen (Thiele) und viele andere.
Heike Nieder absolvierte ihr Volontariat beim Weser Kurier in Bremen und war dort anschließend Lokalredakteurin. Von 2011 bis 2023 arbeitete sie bei der Süddeutschen Zeitung in der Redaktion der digitalen Ausgabe, bevor sie zum Eselsohr wechselte. Als Autorin ist sie im Bereich Kinderlyrik zu Hause. Im Herbstprogramm des kunstanstifter Verlags erscheint ihr Buch Meine Welt ist ein Gedicht mit Illustrationen von Martina Walther.