Am 17. Juni trafen sich rund 80 Menschen in den einladenden Räumlichkeiten des Literaturhauses in Frankfurt am Main. Einige von ihnen hatten bereits an der ersten Vernetzungstagung zur Vermittlung von Kinder- und Jugendliteratur „Ein paar Seiten weiter“ vor einem Jahr teilgenommen. Sie ist ein Programmpunkt des Festivals „Stadt Land Buch“, das vom Jungen Literaturhaus ausgerichtet wird und sich mit Lesungen und Workshops in erster Linie an Kinder- und Jugendliche wendet, also genau das feiert, worum es ging: Leseförderung.
Benno Hennig von Lange, Leiter des Jungen Literaturhauses in Frankfurt am Main, bezog sich in seinen eröffnenden Worten auf eine Rede von 1984. Christine Nöstlinger hatte bei der Verleihung der Hans-Christian-Andersen-Medaille über die Bedeutung und Wahrnehmung von Kinderliteratur gesprochen.
Am Missverhältnis zwischen diesen beiden Komponenten habe sich bis heute nicht viel verändert, so Benno Hennig von Lange, was zuweilen den Eindruck erwecke, es handele sich um ein sinnloses Unterfangen, sich für das Lesen von Beginn an einzusetzen. Wichtig sei: „Wir müssen Literaturvermittlung und Leseförderung zusammendenken.“ Und alle müssten sich selbst kritisch hinterfragen: „Mit welcher Haltung lese, spreche, handele ich?“
Bei hochsommerlichen Temperaturen standen Impulsvorträge, Workshops, Diskussionen auf zwei Podien und in kleineren Runden auf dem Programm. Nach den Erfahrungen aus der ersten Veranstaltung hatten die Organisator:innen Christina Tüschen und Benno Hennig von Lange diesmal bei der Programmgestaltung bewusst mehr Zeit für den Austausch der Teilnehmenden untereinander gelassen.
In derselben Woche war bekanntgeworden, dass die Leseförderungskampagne „Lesestart 1-2-3“, bei der die Familien von ein- und zweijährigen Kindern bei teilnehmenden Kinder- und Jugendarztpraxen im Rahmen der U6- und der U7-Vorsorgeuntersuchung eine kleine Tasche mit Buchgeschenken und Informationsmaterial erhalten, vom Bundesfamilienministerium künftig nicht mehr gefördert wird. Etwa 2.5 Millionen Euro pro Jahr standen dafür zur Verfügung.
Fast zeitgleich wurde der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ von Bund und Ländern gemeinsam mit dem DIPF Leipniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation vorgelegt. Er zeigt laut Mitteilung des Ministeriums, dass bereits im Alter von zwei Jahren deutliche soziale Unterschiede etwa beim Wortschatz von Kindern festzustellen seien.
Besonders die frühe Bildung bleibe ein zentrales Handlungsfeld. Die Herausforderung ist also erkannt. Stellt sich die Frage, welches Projekt künftig mit den 2,5 Millionen Euro im Bereich frühkindliche Bildung gefördert wird. Nach Logik des Ministeriums müsste der Etat deutlich erhöht werden, denn die Maßnahme „Lesestart 1-2-3“ hat offensichtlich noch nicht ausreichend gegriffen.
Positiv erwähnt wurde das Konzept Leseband. Ursprünglich in Hamburg entwickelt, verbreitet es sich inzwischen bundesweit und bedeutet eine verbindliche, tägliche Lesezeit im Unterricht während der gesamten Grundschulzeit. Und in Hessen wird ein Kompetenzzentrum für sprachliche Bildung und Förderung in der frühen Kindheit aufgebaut.
Luise Meergans, Leiterin Abteilung Programme beim Deutschen Kinderhilfswerk, machte in ihrem Beitrag deutlich, dass Leseförderung und Literaturvermittlung keine optionalen Aktivitäten sind. Ein kurzer Blick in die Kinderrechte genügt für diese Erkenntnis. Aber wer kennt sie? Und wer kennt sie gut?
Ein Blick ins Plenum der Tagung zeigte, dass das Wissen über Kinderrechte auch bei Menschen, die sich engagieren, nicht hinreichend ist. Dementsprechend gibt laut einer Umfrage auch nur jedes fünfte Kind an, es kenne sich gut damit aus, und jedes zehnte Kind hat noch nie von Kinderrechten gehört.
„Sprechen Sie über Kinderrechte! Lesen Sie sie vorher auch“, lautete daher der dringende Appell von Luise Meergans.
Klara Zeiner vom Netzwerk Frühe Leseförderung in Österreich Was steht da? war digital zugeschaltet. Sie stellte die Aktivitäten des Projekts vor, das von Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik finanziert wird. Das übergeordnete Ziel: Leseförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu etablieren.
Das Netzwerk „Was steht da?“ hat u.a. ein zweiteiliges Fortbildungsformat entwickelt, das aus einer Videoreihe und vertiefenden Workshops besteht und sich in den Alltag elementarer Bildungseinrichtungen integrieren lässt. Es organisiert Netzwerktreffen und Werkstätten, verteilt Lesepässe und Plakate und hat das mehrsprachige Bilderbuch Jeden Morgen um 10 initiiert.
Lea Lutz arbeitet in der Abteilung Engagement von Fröbel, einem der größten Träger von Kinderkrippen, Kindergärten und Horten in Deutschland. Insgesamt betreuen rund 5.500 Mitarbeitende etwa 21.000 Kinder vor allem in den Metropolen. Aufgabe von Lea Lutz ist es, Dritte Orte aufzubauen, in dem mit einem Netzwerk von Künstler:innen kulturelle Angebote gemacht werden.
Dazu gehört die Fröbel-Buchwerkstatt im Hamburger Elbe-Einkaufszentrum, in der seit September 2024 über 1.000 mehrsprachige Bücher zum Stöbern bereitstehen sowie Lesungen und Workshops stattfinden. Das Projekt wird von mehreren Verlagen unterstützt und sucht nach weiteren Fördermöglichkeiten.
Anne Hirschfelder, freiberufliche Trainerin und Beraterin im Projekt „Leseoasen“ der Kinderrechtsorganisation Save the Children, berichtete über den Aufbau von Leseorten im Ganztagsbereich. An den Leseoasen arbeitet man seit 2018. Sie werden gemäß einer Kinderrechtebasierten Leseförderung gemeinsam mit Kindern geplant und eingerichtet. Einst in der Region Ost gestartet, gehen sie bereits in die dritte Projektlaufzeit.
Oft stehen die Leseoasen unter einem bestimmten Motto – eines, das die Kinder ausgesucht hatten, lautete beispielsweise „Gucci“ und ist mit einem ausufernden Lesesofa ausgestattet.
Kibitz-Verleger Michael Groenewald war mit frischen Eindrücken vom Comic Salon Erlangen nach Frankfurt gekommen. 2016 hatte er den Veranstaltern des wohl wichtigsten Comic-Treffs der Branche in Deutschland vorgeschlagen, Veranstaltungen für Kinder zu etablieren, die über einen Walking Act von Garfield hinausgehen.
Entstanden ist das Projekt „Kinder lieben Comics“, für das Katja Rausch vom Kulturamt Erlangen als Co-Kuratorin gewonnen werden konnte. Was einst in einem leerstehenden Geschäft der Erlanger Innenstadt begann, hat sich inzwischen zu einem umfangreichen Programm mit Lesungen und Workshops entwickelt.
Bei einer von Ilona Einwohlt (Autorin, Literaturfest-Kuratorin, Bildungsreferentin, Mitglied im Vorstand des AKJ) moderierten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Das geht alle an – Literaturvermittlung und Leseförderung als gemeinsame Aufgabe“ räumte Carlsen-Programmleiter für Marken Frank Kühne zu Beginn mit einem Missverständnis auf: Es stimme nicht, „dass Kinderbuchverlage für Leseförderung zuständig sind. Das ist Aufgabe der gesamten Buchbranche und der Gesellschaft.“
Angesichts der beendeten Förderung von „Lesestart 1-2-3“ regte er dazu an, als Ergebnis der Tagung einen Brief an die Politik zu formulieren, in dem finanzielle Mittel für adäquate Projekte eingefordert werden. Er verwies auf die Initiative „Buchstart 4 ½“, in der es darum geht, eine „Lesekette“ zu etablieren. Denn viele Bemühungen um Leseförderung brechen ab, wenn das Kind die Institution wechselt. Von der Kita in die Grundschule und dann in die weiterführende Schule gehen Informationen über den jeweiligen Wissensstand des Kindes verloren.
Anke Vogel von der Uni Mainz arbeitet daran, der Leseforschung ein universitäres Zuhause zu geben, basierend auf dem Gedanken, dass Demokratien von der Lesefähigkeit abhängen. Trotz aller Studien und großen Einsatzes stellte auch sie fest: „Die Zahlen, die die Politik überzeugen müssten, liegen seit Jahren auf dem Tisch. Wir brüllen von Hochschul-Seite in den Wind.“
Lena Stenz, Gründerin des Podcasts Bücheralarm, stellte nicht nur ihr Projekt vor, sondern begleitete die Tagung mit den Kolleginnen Nadine Hochrein und Lucia Hittinger. Am Ende wird aus den Stimmen des Tages ein eigener Beitrag entstehen. Auch beim Hauptprogramm des Festivals Stadt Land Buch sind die drei im Einsatz.
Aber in erster Linie ist Bücheralarm ein Format, an dem jährlich rund 200 Schulklassen teilnehmen und Kinder ihre eigenen Podcasts zu Büchern aufnehmen. Ein perfektes Medium für die Leseförderung, meint Lena Stenz, denn es sei niedrigschwellig und liege im Trend. Und immer wieder entdeckten Kinder dabei ihre Talente.
Markus Daum von der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen e.V. in Frankfurt am Main, wies darauf hin, dass die Lobby für Bereiche wie Theater, Junst und Musik durchaus größer sei als für Literatur. In einem Workshop gab er anschließend handfeste Tipps für die Beantragung von Fördergeldern.
Zum Ende der Podiumsdiskussion fasste Frank Kühne seinen argumentativen Ansatz so zusammen: „Bei Leseförderung geht es nicht um Literaturvermittlung, sondern um Lesekompetenz.“
Nach der Mittagspause standen neben dem Workshop zur Finanzierung und Förderung bei Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche mit Markus Daum drei weitere zur Auswahl:
„Partizipation ganz praktisch – Kindern und Jugendlichen eine stärkere Stimme geben in Leseförderkontexten“ mit Anne Hirschfelder; „Handeln erwünscht! Wie wir für‘s (Vor-)Lesen laut werden“ mit Sarah Labbow von der Agentur Modem Conclusa sowie „Welche Sprache(n) sprechen wir? Mehrsprachigkeit als Superkraft in der Literaturvermittlung“ mit Myriam Alfano, Literaturübersetzerin und freie Dozentin für „Echt absolut“ – Workshops an Schulen, einem Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Übersetzerfonds und des Literarischen Colloquiums Berlin, Frankfurt/M.
Wie wirksam Partizipation bei Lesungen sein kann, berichtete und demonstrierte Autor Tobias Goldfarb am Abend bei einer von Journalistin und Autorin Christine Knödler moderierten Diskussion unter dem Titel „Einfach lesen?!“. Für einen Abschnitt aus seinem Buch Hilda Hasenherz rekrutierte er Gäste aus dem Publikum, die Rollen übernahmen. Die Idee dahinter: Kinder sollen Teil der Geschichte werden, anstatt sie nur passiv aufzunehmen.
Lehrerin und Bloggerin Vanessa Betti teilte ihre Beobachtung aus der Praxis, dass die Schere zwischen lesetüchtigen und leseunsicheren Kindern immer weiter auseinander gehe. Sie setze daher gerne auch Titel in einfacher Sprache ein, damit innerhalb einer Klasse mit unterschiedlichen Lesekompetenzen eine gemeinsame Diskussionsgrundlage entstehen kann.
Wichtig sei bei ihrer Tätigkeit auch, dass die Kinder ihre Lektüren selbst auswählen können. Dabei entstehen Lesetagebücher – mit dem Ziel, die Leserpersönlichkeit jedes individuellen Schülers herauszuarbeiten.
Sabine Anselm von der LMU München plädierte für „Mikrooptimismus“ angesichts einer angespannten Lage. Tatsächlich ist jede:r neue Leser:in ein Erfolg, Chancengleichheit auf dem Weg dorthin herzustellen, aber immer noch eine nicht erfüllte Herausforderung.
Mit Mikrooptimismus gingen wohl auch viele Teilnehmer:innen des Vernetzungstages nach Hause. Denn auch wenn viele Fragen offenbleiben, boten Begegnungen in Workshops und den Pausen die Möglichkeit, persönlich ein Stück vorwärtszukommen. Hätte es mehr bewirkt, wenn Politiker:innen vor Ort gewesen wären? Nicht um zu sprechen, sondern um zuzuhören? Was muss geschehen, um eine wirksamere Lobby fürs Lesen zu bilden?
Ein Gedanke dazu entstand an einem Tisch des „World Cafés“, einem Format, bei dem einzelne Aspekte der Tagung in kleineren Gruppen vertieft wurden: ein Ministerium für Leseförderung. Utopisch? Warum eigentlich? All die guten Ideen, die an diesem heißen Tag im Juni im Frankfurter Literaturhaus auf den Tisch kamen, zu bündeln und das Sinnvollste daraus mit dem notwendigen Budget umzusetzen, das bleibt die Aufgabe, und es ist eine politische.
Optimismus verströmte das gesamte Festival Stadt Land Buch, und zwar eher in Makro denn in Mikro. Was das kleine Team des Jungen Literaturhauses Frankfurt am Main dort zum zweiten Mal Großes auf die Beine gestellt hat, ist bewundernswert. Einige Autor:innen, die am selben und folgenden Tag Lesungen hatten, waren auch zur Abendveranstaltung der Tagung gekommen, darunter Annette Mierswa, Katja Spitzer und Isabel Pin. Im Literaturhaus ist eine Autor:innen-Lounge für sie eingerichtet, in der sie sich begegnen, gemeinsam essen und trinken können. Ein kleines, feines Detail, das die Haltung der Veranstalter:innen erkennbar macht.
Der Termin für die dritte Vernetzungstagung „Ein paar Seiten weiter“ im Literaturhaus Frankfurt am Main steht bereits fest: Es ist der 16. Juni 2027.
Susanna Wengeler