Einer, der sich Zeit für uns nahm

Der Lektor und Agent Stefan Wendel ist gestorben. Seine Kollegin Michaela Hanauer-Dietmaier erinnert an einen Menschen, der kein Sprücheklopfer war, sondern einer, der etwas zu sagen hatte.

Lieber Stefan, das wird kein reiner Nachruf, sondern ein extrem schwerfallender Abschied.

Schon deine Vita beeindruckt: Du hast Germanistik und Anglistik in Bamberg und im britischen Reading studiert und allein daran kann man deine große Neugier auf die Welt erkennen. Du hast nicht nur gute Geschichten entdeckt, sondern mit mindestens ebenso großem Interesse neue Orte.

Eine gute Voraussetzung, um in der Buchbranche anzudocken, da eine neue Stelle meist einen Umzug mit sich bringt: Von Würzburg, wo du bei Arena als Kinder- und Jugendbuchlektor deine Karriere gestartet hast, nach Stuttgart, wo du 1992 bei Thienemann angefangen hast.

Du hast im Schwabenländle so einiges bewirkt, hast ab 2002 bis 2010 als Programmleiter große Namen und deren Kinderbuchklassiker betreut wie Michael Ende, Otfried Preußler, Max Kruse und Ursula Wölfel; mit Reihen wie „Freche Mädchen – Freche Bücher“ ist es dir zudem gelungen, die Zielgruppe perfekt in den Mittelpunkt zu rücken. Du wolltest Kinder und Jugendliche mit für sie aktuellen Themen zum Lesen bringen. Eine unserer wichtigsten Aufgaben – und du hast das geschafft!

Du hast Texte bereichert und ihnen ihre Eigenart gelassen

Du hast großen Wert auf deutschsprachige Autoren gelegt, dich um Aufbau und Förderung bemüht und nicht nur auf bereits von anderen erfolgreich platzierte Lizenztitel gesetzt. Außerdem war dir stets der gute Ruf Thienemanns wichtig, ein Autorenverlag zu sein, der in besonderem Maß seine Urheber miteinbindet und pflegt. Qualitätsmerkmale, die man heute unter Nachhaltigkeit subsumieren könnte – ein Begriff, mit dem damals noch gar nicht gearbeitet wurde, den du aber bereits erfülltest.

Denn das hat dich ausgemacht: ein starker innerer Kompass, der wusste, was gut funktioniert, erfolgreich sein kann und richtig ist, gleichzeitig hast du dabei nie die Menschen hinter den Büchern vergessen, bist immer selbst Mensch geblieben, durchaus selbstbewusst, aber auf eine dezente, in dir ruhende Art.

Du hast mit Urhebern zusammengearbeitet, niemals gegen sie, hast Texte bereichert und ihnen ihre Eigenart gelassen. Völlig zu Recht bist du dafür 2003 mit dem Lektorenpreis des Netzwerks deutschsprachiger Kinder- und Jugendbuchautoren ausgezeichnet worden.

Du hast immer zwischen den Zeilen gelesen

Mit deiner überzeugenden liebenswerten Art hast du mir sozusagen die „zweite“ Hand in die Branche gereicht, dank dir bin ich heute nicht nur Agentin, sondern auch Autorin und durfte meine Schreibfähigkeiten mit deiner Unterstützung und Erfahrung erproben und verbessern.

Ab 2011 konnte ich mich dann ein wenig revanchieren und mich mit dir über die ein oder andere Agentenerfahrung austauschen, als du dich mit deiner Autorenberatung selbstständig gemacht hast. Gleichwohl du dir bei diesem Wechsel der Schreibtischseite deine neuen Aufgaben wieder so gestaltet hast, dass sie zu deiner Arbeits- und Denkweise gepasst haben: Du bist eben kein klassischer Agent geworden, sondern hast einen etwas anderen Ansatz gefunden, zugeschnitten auf das, was du am liebsten gemacht hast: Menschen zuhören, sie sehen, sie kompetent und konstruktiv beraten.

Wie du es selbst am treffendsten beschrieben hast: Du hast dir die Zeit genommen für Menschen und ihre Projekte, die andere nicht hatten.

Deshalb bin ich besonders glücklich, dass du mich weiterhin als Lektor in gemeinsamen Projekten begleitet hast. Mit dir zu arbeiten, bedeutete, sicher sein zu können, dass du dich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt hast. Du hast immer auch zwischen den Zeilen gelesen.

Einer, der seinen Versprechen stets Taten folgen ließ

2018 hast du dann einen weiteren Aufbruch gewagt und bist mit deinem Sigi nach Lübeck gezogen. Noch einmal alles umkrempeln, ein Neubeginn an einem neuen Ort, das habe ich sehr bewundert! Wer allerdings je eure Holzereien gesehen oder besucht hat, begreift: Mit einer großen Liebe ist man überall stark.

Es sind – wie so oft – die kleinen Feinheiten, die einen Menschen zeigen. Der Verzicht auf Grußkarten, um die Umwelt zu schonen, und doch nie die Glückwünsche an Geburts- und Feiertagen zu vergessen; statt eigener Geschenke, lieber um Spenden an dir unterstützenswerte soziale Projekte zu bitten … was braucht es mehr, um deine Freundlichkeit und Empathie zu beschreiben? Kein Sprücheklopfer, sondern einer, der etwas zu sagen hatte und seinen Versprechen stets Taten folgen ließ.

War es nicht erst gestern, dass du mir noch berichtet hast, wie es sich anfühlt, wenn da eine große 6 an die Zehnerstelle gerückt ist? Wir aber jung bleiben werden, nur mit ein paar mehr Erfahrungen und Ansprüchen. Und wir waren uns doch einig, dass es noch so Vieles zu bereisen und zu erleben gibt! Deshalb war die Nachricht von deinem Tod ein Schock – wie sicher für sehr, sehr viele aus der Branche und noch mehr für dein privatestes Umfeld. Der erste und anhaltende Gedanke: Nein, das kann nicht sein! Nicht Stefan Wendel, nicht dieser wunderbare, warmherzige, kluge Gesprächspartner, wir wollte doch noch …, sobald ein bisschen mehr Zeit gewesen wäre …

Und bitte, wer wird nun diese Zeilen redigieren? Wer die Zielgruppe im Blick behalten? Wer wird durch sein unnachahmliches leises Lachen am anderen Ende der Leitung Mut machen und jedes Lächeln zurückbringen?

Du hast uns viel gegeben, Stefan, bescheiden wie du warst, hätte dir ein einfaches Dankeschön genügt und doch ist es zu wenig, um dich auch nur annähernd zu würdigen. Wir trauern mit deinen Lieben und werden dich nicht vergessen!

Deine Michaela Hanauer-Dietmaier

(Agentin und Autorin,  www.michaelahanauer.de)

Stefan Wendel

Stefan Wendel, geboren am 4. Juli 1963, studierte Germanistik und Anglistik in Bamberg und Reading. Nach seinem Start als Lektor bei Arena wechselte er 1992 zu Thienemann, wo er 2002 die Programmleitung übernahm. 2011 gründete er seine Agentur „Stefan Wendel Autorenberatung“. Seit 2018 lebte und arbeitete er in Lübeck. Am 11. März 2026 ist er im Alter von 62 Jahren unerwartet gestorben.

Die Kolleg:innen der Thienemann Verlage schreiben: „Stefan Wendel stand immer für einen kompetenten, konstruktiven und empathischen Austausch. Bis zuletzt war er unserem Haus verbunden – durch seine Vermittlungsarbeit, insbesondere aber auch durch die Übersetzungen aus dem Englischen von David McKees „Elmar“-Büchern.

Wir verlieren mit Stefan Wendel einen außergewöhnlichen Kollegen und Menschen, dessen Leidenschaft und Warmherzigkeit uns fehlen werden. Unser tiefes Mitgefühl gilt seinem Lebenspartner, seiner Familie und allen, die ihm verbunden waren.“