Warum die Bibliotherapeutin Wiebke Schleser Bücher wie „Girl in Pieces“ bei ihrer Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ambivalent betrachtet – und was sie sich von Verlagen wünscht. Einige Gedanken aus der Praxis.
„Frau Schleser, Sie verstehen das einfach nicht. Das Buch versteht mich wenigstens!“ Diesen Satz höre ich in den Begegnungen mit den Kindern und Jugendlichen immer wieder. Vor mir steht eine Elfjährige, den Blick abgewandt, und hält sich an Girl in Pieces von Kathleen Glasgow fest. In diesem Moment bin ich für sie diejenige, die blockiert. Diejenige, die ihr ein Buch verwehrt, das sich wie ein Spiegel für ihre eigene, unaussprechliche Innenwelt anfühlt. Der Vorwurf, ich sei unfair oder würde zensieren, schmerzt mich – ich verstehe ihn zutiefst. Literatur kann entlasten, Einsamkeit lindern und Perspektiven eröffnen. Hier genau zeigt sich die Ambivalenz – und die Verantwortung meiner Arbeit.